Die Menschensuchmaschinen
Seit einiger Zeit sag ich mir, hey, schreib doch mal was �ber Dating. Jede an- und selbst�ndige Gro�stadtfrau im besten Alter hat heutzutage ein paar nette Geschichten zu erz�hlen. Ja, es lassen sich sogar Fernsehserien daraus machen, die in New York spielen. Vor ein paar Jahren gab es nur Kontaktanzeigen, da war Dating noch kein Millionenmarkt und auch kein Gesellschaftsspiel, sondern immer ein klein bisserl anr�chig. Da ich an der Uni die �lteste (lotterige Langzeitstudenten gab es im Osten erst Ende der 90er) und auch sonst recht sch�chtern war, blieb mir nichts anderes �brig, wenn ich nicht den n�chsten Junggesellen im Supermarkt mit meinem Einkaufswagen �berfahren und in meine H�hle schleppen wollte. Ich traf mich mit meiner liebsten Komilitonin auf eine Stadtzeitungsannonce, in denen "zwei Freizeitphilosophen zwei kulturell interessierte Grazien zum gemeinsamen Diskurs" suchten. Und war beim ersten Treff zun�chst erstmal sauer, da� sie beim vorausgehenden Telefonat schon eine Vorauswahl getroffen hatte. Den witzigeren und unterhaltsameren der beiden Freizeitphilosophen hatte sie sich schon reserviert. Ich tr�stete mich damit, da� er f�r meinen Geschmack sowieso zu dick war. (Eine meiner Fixierungen, ich gebe es zu: Egal, wieviel ich grade wiege, er mu� schlank sein.) Also musterte ich den mir zugedachten Menschen von der Seite und sagte mir 1. _Der ist aber um einiges j�nger als ich!_ und 2. _Den zieht noch Mutti an._ W�hrend meine Freundin mit dem dicken, witzigen R. innerhalb von 14 Tagen zusammenknallte und wieder auseinanderrauschte - sie wurde darufhin zur Teilzeitlesbe, er schw�ngerte und heiratete bald darauf ein braves M�dchen aus Kassel - lieferte ich mir mit dem linkischen Banker eine Reihe verklemmter und sch�chterner Kino- und Zoobesuche. Ich fragte mich, ob er mich vielleicht nur aus H�flichkeit trifft und weil er grade niemand anders bei der Hand hat, denn von ihm kam nicht das geringste Signal, da� er an mir interessiert w�re. Erst nach einem halben Jahr ging er endlich in die Offensive. Ich hatte ihn eigentlich schon unter "guter Kumpel" in die Registratur gepackt. Er hat mir erst sehr viel sp�ter erz�hlt, da� ich noch ein zweites Mal auf eine seiner Anzeigen geschrieben hatte und da� er das als Wink des Schicksals sah. Und da hat er mich dann auf eine Flasche Sekt zu sich nach Hause eingeladen. Er trank (als absoluter Abstinenzler) sogar ein halbes Glas mit. Der Rest ist eine zehn Jahre lange Geschichte. Er wurde meiner Tochter eine Mischung aus Vater und gro�em Bruder. F�r mich war er Mann und Sohn zugleich. Es war eine sehr sch�ne Zeit. Bis es irgendwann ausgereizt war. Oder anders formuliert: Bis ich mich darum gedr�ckt habe, mit ihm in eine schwere Zeit zu gehen, damit wir beide sie Gelegenheit gehabt h�tten, aneinander zu wachsen. Er ist nun verheiratet und ist Hausmann und Vater zweier kleiner M�dchen. Aber das war die Zeit vor den Menschensuchmaschinen. Dazwischen kamen die studentischen Flirtportale, programmiert von pickligen Nerds, die endlich auch mal eine Freundin haben wollten. Da traf ich "den":http://www.kittykoma.de/index.php?id=146, der nun mein bester Freund ist. Nur mal nebenbei: Das klassische Kennenlernen, man trifft sich im Caf�, im Freundeskreis und findet sich nett, ist bei mir meistens schief gegangen. I don't know why. �lter geworden, wieder solo, wagte ich noch einmal einen Ausflug in ein Flirtportal und wu�te nach einer Woche, da� das alles nicht mehr so ist wie fr�her, weil die etwas h�lzernen Studenten der technischen Fachrichtungen mittlerweile abgel�st waren von Wichsern, Idioten und sexuellen Bel�stigern jeder Couleur. Nachdem einer dreimal t�glich meiner Sekret�rin ein Ohr abgekaut hatte, wu�te ich, da mu� etwas Seri�seres und Gesch�tzeres her. Das war mir dann auch das Geld wert. Also p*rship. Ne*.de klang so nach Wegwerfpartner. Eine wesentlich �ltere Freundin sagte mir dann, es w�re v�llig klar, warum ich so enorme Resonanz hatte. Eine Frau unter 40 mit fast erwachsenem Kind, wirtschaftlich selbst�ndig und ohne weiteren Kinder- und Familienwunsch w�re dort rar und begehrt. Mal abgesehen vom Schwachsinn dieses Punktesystems (aber irgendwie mu� einem ja der Eine oder Andere der uniformen Kandidaten ( _mein liebstes Hobby: Vielleicht du?_ harhar!) nahegebracht werden. Mein gr��tes Problem waren meine Ausschlu�kriterien. Ich wollte nicht schon wieder einen j�ngeren Mann, auch keinen, der weniger arbeitete/verdiente als ich. Das Kapitel Mama spielen und Lebensstandard finanzieren wollte ich endg�ltig hinter mir lassen. M�nner in meinem Alter waren oft geschieden und Teilzeitv�ter mit gemeinsamem Sorgerecht. Was hie�: noch mal kleine Kinder (Gott bewahre!) und die Ex immer mit im Boot. Aus feministischer Sicht ist das ja zu begr��en, aus egoistischer Position kann ich es nur ablehnen. Und dann bin ich sehr �ber meinen Schatten gesprungen. Habe zuerst bis zur Grenze 49 gesucht. Da waren dann auch die Altersmogler dabei, denen man nur sagen konnte: _Junge, trinken wir mal drauf, da� du wirklich mal so alt wirst, wie du jetzt schon aussiehst!_. Und sp�ter bis 59. Was aber irgendwie garnicht ging. Zu alt, nichts f�r mich, ich hab doch keinen Gro�vaterkomplex. Anfang 50 sei ok., sagte mir eine �ltere Freundin. Da seien die M�nner noch fit, w�ren aber nicht mehr so tief im zweiten Sturm und Drang, da� sie zu kompletten �bersprunghandlungen neigten. Ich betrat Neuland. Die Exemplare Mann, die ich nun traf und deren Verhalten die Ratgeberliteraten besch�ftigt, kannte ich noch nicht. F�r eine Frau, die es bis jetzt mir sehr soften und kooperativen M�nnern zu tun hatte, ein Kontrastprogramm. Noch nie war ich so als Frau akzeptiert und verw�hnt worden. Ein Umzug oder der Verkauf von Winterreifen war pl�tzlich so unkompliziert: das ist schlie�lich M�nnersache. Und noch nie war ich mit so viel Dominanzsucht, emotionaler Versottung und verdeckter Angst konfrontiert. Der eine sah mich vorwurfsvoll an, wenn ich bei Tisch nicht sofort merkte, da� sein Glas leer war. Der n�chste hatte ein Problem, wenn ich ihn auf dem Festnetz anrief (da� ich ihn �berhaupt anrief) - das h�tte was von Kontrolle. Ein anderer sagte schon immer _hm, jaja_, wenn ich einen Satz noch nicht einmal halb beendet hatte und hielt im Gegenzug endlose Monologe in langsamem Sprechtempo. Aber das ist ein ganz privates Ph�nomen. Mittlerweile habe ich mich daran gew�hnt. So sind eben richtige M�nner. Die Suchmaschinen machen es nicht leichter. Das (vermeintliche) �berangebot macht extrem w�hlerisch, s�chtig nach dem M�rchenprinzen und Anpassungsunwillig. Wenn es nicht hundertprozentig stimmt, wird der n�chste geklickt. Der nat�rlich auch wieder seine Macken und Meisen hat. Die geringste Frustration in einer sich vielleicht anbahnenden Beziehung kann damit abfangen werden, mal wieder etwas Aufmerksamkeit (und Frischfleisch) mittels eines neuen Kandidaten zu inhalieren. Und: beide Seiten spielen dieses Spiel. Demonstrieren ernsthafte Absichten, schei�en sich in die Hosen vor Angst, wenn es erst wird und sie Position beziehen k�nnten und spielen Simultanschach. Nat�rlich warten sie alle auf den Big Bang, den Urknall der gro�en Liebe. Der seltenst passiert. Oder nur einseitig, wenn einer der Spieler sein Spielzeug nicht bekommt (und dank Igoranz gefahrlos mit bedingungsloser Liebe antworten kann) oder eine sehr rare Troph�e erringt (die Frau den heiratswilligen Million�r, der Mann das M�dchen, das unbeschriebene Bl�ttchen). Dann passiert pl�tzlich Leidenschaft. Verl��lichkeit, Hingabe und Authetizit�t sind kaum zu finden oder werden �bersehen und als Wert nicht erkannt. Es herrscht mit hysterischer Am�sierwut bem�ntelte Angst. Angesichts dieser endlosen M�glichkeiten, die uns nur versagen lassen, w�nsche ich mir die alten Kuppelerinnen zur�ck, die Ehen und nicht Liebe gestiftet haben. Und doch wei� ich, das das die H�lle auf Erden sein kann. Edit: Was als harmloser Sp�ter-M�dchen-Text begann, ist in R�sonniererei und Moralismus geendet. Vielleicht sind diese Geschichten noch viel zu nahe. Auch HeMan ist aus der Maschine generiert. Fast ein Jahr hat es gebraucht, da� wir diese Basis verlassen und die Hintert�rchen geschlossen haben, uns begegnen, als w�ren wir im Opernfoyer ineinander gerannt und h�tten uns nett gefunden.
Kitty (importiert durch kittykoma) - 12. Jun, 22:40
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