Roll over Beethoven
Vorab: Ich verstehe nichts von Musik. Nicht mehr als das, was der Musikunterricht vermittelte (Sonatenhauptsatz, h�?) und das, was zur Geburt einer ertr�glichen Singstimme an Notenkenntnissen n�tig war. �hnlich wie bei Architekur und Malerei kann ich Epochen einsortieren. Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert, mit ein paar bemerkenswert schr�gen T�nen? Schostakowitsch von 1954. Wagnerhaftes Sirren, Klang- und Vibrationswolken, melodielos? Chausson, Ende 19. Jahrhundert. (Bei Mozart und Bach versage ich regelm��ig, die sind zu zeitlos und genial.) Meine mentalen Speichern lagert das, was sich bei meinen Eltern t�glich auf dem Plattenteller drehte oder (entsetzlich angezogen und aufgeregt) in Konzerten geh�rt wurde. Seit einer Woche pilgere ich mit HeMan ins Konzerthaus. In einem Anfall von _Wir m�ssen dringend mal wieder Musik h�ren_ hatten wir schon vor Monaten eine Schlange Eintrittskarten f�r die Young Euro Classics gekauft. Was wir h�rten, war jenseits von Europa. Oman. - Lauter winzig kleine Frauen, rot und gr�n verschleiert, dazu schw�rzliche Beduinen im Frack. Gespielt haben sie mit Schmackes. Die zeitgen�ssischen Kompositionen waren sehr h�rbar (wann ist das moderne Klassik noch?), klangen nach Hollywoodfilm und werden den K�nig, vor dem das Orchester sonst spielt, sicher trefflich unterhalten. Australien. Eine Bratsche mit Irokesenschnitt, zahlreiche schlacksige irischst�mmige J�nglinge mit roten Locken, zarts��e M�dchen mit eisenhartem Griff um den Hals ihrer Geige. Vor allem sahen sie sich untereinander immer wieder grinsend an. Denn nach dem Konzert wird es richtig Party gegeben haben. Weshalb sie Bartoks Konzert f�r Orchester auch nur noch brav erledigten (ist aber auch ein riesiger 5-s�tziger Klops). Shanghai. _Das sind sicherlich alles aufgezogene Musikmaschinen, die von europ�ischer Musik nichts verstehen._ orakelte ich herum. Wir sa�en im ersten Rang und ich war eigentlich m�de und hungrig und verdrehte so ein bi�chen die Augen. Sibelius. Violinkonzert. Ein junger Solist. Ok., macht mal. Und dann bekam ich ganz spitze Ohren. Da steht vorn ein Typ mit einer Geige, hat ein Gesicht �berm Frack wie ein Manga-Held, Haare im Gesicht bis zur Oberlippe. Und was er spielt, ist perfekt. Manchmal ein bi�chen s��lich, zu sehr auf Wohlklang getrimmt. Ich kenne nur alte Aufnahmen, wahrscheinlich Oistrach, da h�rt man den Bogen krachen, da wurde viel auf Rauheit und Kanten Wert gelegt. Aber da unten passiert etwas zwischen Orchester, Dirigent und Solist, das ich selten so gesehen und geh�rt habe. Es prallten keine k�nstlerischen Egos aufeinander und zerreiben sich an einem ohnehin nur seinen Stiefel spielenden Orchester. Da kam niemand in die Leithammelposition oder gab die Rampensau. Da unten agierte ein gro�er, verschmolzener Klangk�rper, der Zeit hatte, T�ne kommen zu lassen (und doch in einem irren Tempo spielte, das war das schnellste Konzert der Woche). Teile der Tonmassen traten zur�ck, lie�en anderen den Vortritt, st�tzen h�chstens noch. Respekt. Und nicht Piano, nein Pianissimo. T�ne kommen lassen, aus einem Rauschen, Wispern, Schwirren. Schwebende Eins�tze. Nach der Pause Ludwig van. Die F�nfte. Deutscher geht es nicht. Eines meiner Lieblingsha�objekte neben _Faust_. Anschnallen zum Rundflug �ber dem emotionalen Bombast eines Volkes, das keine Emotionen zeigen kann. Der Dirigent nimmt beil�ufig den Taktstock, ist noch nicht mal richtig auf dem Pult und schon kommen die ber�hmten vier T�ne, die drei Achtel G, das Es. Wir sind schon mittendrin. Das kann nicht sein. Ich hab doch nur an der Ampel gestanden und auf Gr�n gewartet und dann streift mich ein Bus, nein er schleift mich mit. Ich sitze da und mir laufen Sturzb�che die Wangen herunter. Ich wu�te nicht, da� ich jeden Ton dieser Sinfonie kenne. Mein Vater hat sie bestimmt dreimal in der Woche geh�rt. In der Zeit, als er seine Doktorarbeit in Kernphysik schrieb. Aber das ist lange her. Seitdem habe ich die F�nfte bestimmt hundertmal geh�rt. Abgehakt unter Bildung, der kulturellen Zitatsammlung, wie so manche Stelle aus dem Faust. Und wie damals, als ich genervt noch einmal am Nachmittag in Steins Mammut-Faust ging (zwischendurch war ich in der Badewanne und habe geschlafen, ich konnte es einfach nicht ertragen), um den Schlu�monolog zu sehen. Und auch hier kannte ich jede Zeile. Und habe verstanden. Aufbruch. Traumverwirklichung. Zukunftsgesellschaft. Alles Quatsch. Da sitzt ein dementer, blinder Alter und glaubt, da� das Grabschaufeln f�r ihn die Arbeit an seinem letzten gro�en Entwurf ist. Zur�ck ins Konzerthaus. Ich habe nicht an meine Kindheit gedacht. Ich habe �berhaupt nicht mehr gedacht Meine Seele hatte ihr Tor sperrangelweit g�ffnet und h�rte Musik. Und der Rest von mir war im Ausnahmezustand. �ffentlich losheulen ist schlie�lich genauso peinlich, wie �ffentlich einen Orgasmus zu erleben. Ich bekam besorgte Blicke von links und rechts. HeMan t�tschelte mir immer mal beruhigend die Hand und ich dachte immer nur: _la�t mich doch einfach in Ruhe_
Kitty (importiert durch kittykoma) - 12. Aug, 00:02
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
