3
Okt
2007

Einheitsbrei

Vor genau zehn Jahren fuhr ich mit meiner Tochter nach Berchtesgaden. Da die Autobahn an einer Baustelle zugestaut war, nahm ich die Landstraße über die Niederlausitzer Braunkohlendörfer um Bronkow. Und da habe ich dann versucht, meinem Kind, das bei Mauerfall zweieinhalb Jahre alt war, zu erklären, wie das hier früher aussah: Keine oder verbeulte Gehwege, Straßen mit tiefen Schlaglöchern, an allem haftender Dreck und Staub, Mief in der Luft und ein deprimierendes Grau-in-Grau. Als einziger Farbtupfer Frauen in Kittelschürze auf Fahrrädern, das Kind auf dem Kindersattel, zwei volle Einkaufsbeutel am Lenker. Wenn der Tagebau näherrückte, wurden die Menschen in Plattenbauviertel umgesiedelt, die am Rand der industriellen Kleinstädte wie Hoyerswerda oder Senftenberg lagen. Bauern bekamen andere Jobs. Haustiere und Gärten gab es nicht mehr. Dörfliche Gemeinschaften wurden auseinander gerissen, wenn die Wohnungen nicht reichten.
Jetzt waren die Dörfer adrett und sauber. Die Straßen und Gehwege grade und trocken. Die Häuser mit Baumarktcharme saniert. Ab und zu war auch ein Mensch zu sehen. Meist ein alter Mensch.
Meine Tochter hat - damals zehnjährig - nicht so richtig verstanden, was ich meinte. Es war mal wieder so ein bißchen "Mama erzählt vom Krieg". Was sollte ich auch sagen? Ihr erzählen, daß die Raststätte Frankenwald für mich in einer anderen Welt lag? Berchtesgaden für mich mit Hitler assoziiert war und nicht mit Skifahren und Bergwandern?
Ich will die Mauer nicht zurückhaben. Ich will nie wieder im Februarsmog in einem Dreckloch, wie es Leipzig einst war, einen Asthmaanfall bekommen. Ich will nie wieder die gemunkelten Geschichten über auffällig häufige Kindesmißbildungen in der Bitterfelder Gegend hören und nicht wissen: Ist das negative Propaganda oder die Wahrheit?
Mal abgesehen von der ganzen kommunistisch-quasi-religiösen Gehirnwäschescheiße, die mein Leben von frühester Kindheit an bestimmt hat.
Ja, es ist richtig so.
Und ja, es ist schmerzlich, daß Millionen von Menschen in dem Gefühl leben, wohlgepflegte Eingeborene einer nahen Kolonie zu sein. Sonderbar und belächelt in ihrem Anderssein, kostspielig, unselbständig, larmoyant.
Die adretten Straßen täuschen nicht darüber hinweg, daß die ostdeutsche Gesellschaft in Gewinner und Verlierer zerfällt. Menschen, die die neu entstandene Welt akzeptieren (denn der Westen ist auch nicht mehr das, was er mal war) und sich integrieren und Menschen, die ihre alte Lebenshaltung beibehalten haben. Die entweder aus alter Ideologie und ihren Grabenweisheiten besteht oder aus der Gemengelage von ewigem Misstrauen gegen "die da oben" und dem Verharren in Unmündigkeit und Abhängigkeit.
Das waren jetzt alles keine perfekt gebaute Sätze, aber es mußte mal raus.
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